Geschichte

Antiquaria – Die Geschichte

Die erste Antiquaria fand 1987 statt – im Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart. Das Interview im Literaturblatt Baden-Württemberg (am Ende dieser Seite) gibt einen kleinen Einblick in die Entstehungsgeschichte.

Und der kleine Rückblick auf 25 Jahre Antiquaria im Messekatalog 2011 war ein grosses Dankeschön an alle, die die Messe unterstützt haben und begleiten.

Ludwigsburg existiert noch nicht. Die spätere Stadt ist noch Schaf- und Viehweide.

1987 – 2011:  Antiquaria Jubilaria!

Antiquaria Ludwigsburg Petra Bewer

Wir verneigen uns vor den grossen Jubiläen der Weltgeschichte – und schauen augenzwinkernd auf das unsrige – fühlen wir uns doch eher den anderen, nicht so bedeutenden und oft vergessenen Ereignissen nahe – wie zum Beispiel diesen: vor 250 Jahren erhielt Ludwigs­burg eine Strassen­beleuchtung mit Öllampen und wurde somit zur erleuchtetsten Stadt im Lande! Vor 75 Jahren, 1936, führte die Lud­wigs­burger Polizei erstmals eine gebühren­pflichtige Verwarnung von Verkehrsteilnehmern in Höhe von 1 Reichsmark ein!

25 Jahre – ein kleines Jubiläum – aber Anlass für ein grosses Dankeschön an alle, die mitwirken und mitgewirkt haben, und an die Stadt Ludwigsburg, in der wir seit 1993 in der prächtigen Musikhalle eine schöne Bleibe gefunden haben, und die uns und die Antiquaria immer freundlich unterstützt. Und nicht zuletzt an die treuen SammlerInnen und Bücherfreun­d­Innen, die unsere Messe jedes Jahr besuchen: ohne sie gäbe es die Antiquaria nicht!

Mit Champagnerwein benetzt der Vater die Lippen von Justinus Kerner an dessen Taufe

ANTIQUA/ria, die Erste –

Auf der A81 kam im Herbst 1986 die Eingebung für ein folgenreiches Projekt: Petra Bewer und Heiner Beuttler beschließen, dass Stuttgart eine weitere Messe vertragen könnte – und mieten das im Herzen der Kehrwochenmetropole gelegene Gustav-Siegle-Haus an. Die Presse merkt danach an:

Für den antiquarischen Mittelstand, und als Vertreter eines solchen bezeichneten sich die anwesenden Antiquare expressis verbis, sind diese regionalen Verkaufsausstellungen in der Tat eine geeignete Form, über den heimatlichen Standort hinaus aktiv werden zu kön­nen. Ein Ladengeschäft…, wird nur von einem kleinen Sammlerkreis frequentiert, und der Katalog­versand erreicht, allen Bemühungen breiter Streu­ung zum Trotz, auch nur eine begrenzte Anzahl von Interessenten. So wer­den diese Veranstaltungen in zunehmendem Maße als Ergänzung zu den beiden tradi­tionellen Ver­kaufswegen betrachtet. …. Natürlich hatte niemand einen Käuferansturm erwartet. Aber mit den jeweils über 400 Besu­chern, die man an jedem der beiden Tage zählte, waren alle mehr als zufrieden. Schließlich war es ja die erste Veranstaltung dieser Art in Stuttgart. Von den 32 angereisten Händlern, die sogar aus Hamburg und Berlin, Rosenheim und Konstanz ka­men, betreibt die eine Hälfte ein Ladengeschäft, die andere ein Versand­antiquariat. Alle nannten die Kontaktpflege mit Kunden und Händlerkol­legen als wichtigsten Grund für ihre Teilnahme. Einhellig lobte man die angenehme Atmosphäre. Aber auch mit dem Unsatz waren die meisten zufrieden. Da man sich untereinander kannte, erübrigten sich Geheimnistuerei und Renommisterei, und es wurden offen die Umsatzzahlen genannt.

(Aus dem Antiquariat, 1987)

Petra Bewer und Heiner Beuttler, die Initiatoren der ‚Antiqua‘ verweisen darauf, dass diese neue Veranstal­tungs­reihe nicht in Konkurrenz zur grossen Antiquariatsmesse in Stutt­gart treten will, die jährlich vom Verband der deutschen Antiquare ausgerichtet wird. „Dort trifft sich die europä­ische Elite, und dort“, so Petra Bewer, „werden fast nur Kostbarkeiten angeboten. Wir dagegen vertreten durchweg nur kleine und mittlere Antiquare. Bei uns gibt es schöne und sammelnswerte Bücher von 10 Mark an.“

(Stuttgarter Zeitung, Mai 1987)

Herzog Eberhard Ludwig ist beunruhigt: In Ludwigsburg stehen erst ein Wirtshaus und drei Bürgerhäuser!

Ludwigsburg erhält eine Straßenbeleuchtung (mit Öllampen) und wird damit zur erleuchtesten Stadt des Landes!

Der Katalog: vom A zum A – und mitunter gab es Streit

IM ANFANG war die Loseblattsammlung in der Faltmappe mit dem bekennenden „A“ auf dem Vorderdeckel –

sei es nun A wie Antiqua oder A wie Alternativ.

Später dann, Kampf zweier Richtungen: In einer legendären Messenachbesprechung fällt 1992 in Kassel (bekanntlich die Mitte Deutschlands) eine heißumstrittene Entscheidung: Der Katalog erscheint jetzt im Großformat gebunden.

Seit 2003 ist er dann (fast) quadratisch und seit 2009 erleuchtet er mit wechselnden Umschlagmotiven.

Je größer, desto öfter dabei – alle 174 AusstellerInnen in 25 Jahren Antiquaria!

Seit 2009 gibt es zur Antiquaria einen jährlich wechselnden Themenschwerpunkt, dem die AusstellerInnen einen Teil ihres Angebotes widmen, der auch im Katalog besonders gekennzeichnet ist.

34. Antiquaria 2020: „Antiquaria multikultura – Toleranz Vielfalt Freiheit“

33. Antiquaria 2019: „Antiquaria obscura – Gefahr und Faszination“

32. Antiquaria 2018: „Antiquaria Urbana – Die Stadt“

31. Antiquaria 2017: „Peregrina – fremd in der Fremde?“

30. Antiquaria 2016: „Musik“.

29. Antiquaria 2015: „Frauen“

das 1. Fussballspiel „Ludwigsburg-Montbeliard“ begründet die 1. deutsch-französische Städtepartnerschaft!

Die BesucherInnen kommen zu Wort:

antiquaria besucher ammann

„Die Antiquaria kommt in die Jahre und wir mit ihr. Gold in den Zähnen, Silber im Haar und Blei in den Knochen – wie gut, dass kein Wettrennen um die Bücher mehr stattfindet. Was waren das noch für Zeiten, als Hausmeister die Türen der Musikhalle halb verschlossen und der Andrang diese zum Bersten brachte. Finden in Zukunft Messen nur noch – wie stille Auktionen – im Internet statt? Der schnellste Mausklick gewinnt? Da würden die ergrauten Sammler doch viel vermissen.“ (Jörg Ammann)

„Mehr mit Farbe als der moderne Buchhandel glänzt das Antiquariat. Schon die Geschäftspartner auf beiden Seiten, Händler und Käufer, sind etwas ganz Besonderes. Sie begegnen sich mit größeren Emotionen, wiewohl das nüchterne Geld eine gewisse Rolle spielt. Das tut es auch in Ludwigsburg. Aber dort kommt eine gehörige Portion Atmosphäre dazu. Die renovierte Musikhalle mit ihrer gemütlichen Enge lässt die Leute näher rücken und menschlicher werden.“ (Eberhard Zwink)

antiquaria besucher zwink

„Die Antiquaria… Hier sprühts, brodelts und zischts. Hier steht im Januar immer der Vulkan, der anderswo so sehr vermisst wird, der aber so unverzichtbar ist für die komplexe Aufgabe, die kulturgeschichtliche Bedeutung einer Erstausgabe niedergeschriebener Gedanken zu erkennen und zu wahren“. (Wolfgang Lacher)

antiquaria besucher bollacher

„Die jährliche Antiquaria ist eine Guckkastenbühne und -messe, die uns und jeden Bücherfreund in ihren Bann schlägt. Die bibliophilen und wissenschaftlichen Raritäten wecken Gelüste (freilich nur schickliche), die sich, kaum gestillt, erneuern, so dass die nächste Antiquaria herbeigewünscht wird“. (Wolfgang und Ilse Bollacher)

Der Radfahrer-Verein Ludwigsburg gewinnt beim Preiskorso in Donaueschingen den Bundes-Ehren-Pokal

Ohne sie geht nichts!

Im Foyer von 1987 bis 2010

Die evangelische Schlosskirche in Ludwigsburg wird katholisch

Vom Rennen – zum Losen

Es war ein tiefer und keineswegs unumstrittener Einschnitt, als das Laufverfahren – wer zuerst kommt, kauft zuerst – abgeschafft wurde. Noch heute trauern einige dem martialischen Treiben nach. Doch das Losverfahren hat sich inzwischen – nicht nur in Ludwigsburg – durchgesetzt. Eberhard Zwink beschreibt das so: „Die Krone der Antiquaria ist jedoch seit jeher das Losverfahren, das Petra Bewer in Ludwigsburg mit weiblichem Charme praktiziert. Die Edelsteine in der Krone bilden aber die ‚Schokolädle’, die Peter Conradi aus seinem Körbchen großzügig an die Unterlegenen austeilt. So scheiden Gewinner und Verlierer in Frieden und ungebremster Kauflust.“

Die Ludwigsburger Polizei führt die gebührenpflichtige Verwarnung von Verkehrsteilnehmern in Höhe von 1,- RM ein.

Von der Spendenaktion zum Antiquaria-Preis

Mit einer gebührenpflichtigen Überweisung an die Stadt Erfurt beginnt die inzwischen sechzehnjährige Erfolgsgeschichte des Antiquaria-Preises.

Um marode Bücher in der Amplonia zu retten, sammeln die Antiquare 1993 Geld:

32768 DM kommen zusammen – ein Riesenerfolg, der die Antiquaria-Aussteller dazu bewegt, mehr für die Buchkultur zu tun: Sie stiften den Antiquaria-Preis!

Literaturblatt Baden-Württemberg: Heft 1 / 2011

Drei Fragen an Petra Bewer, Veranstalterin der Antiquaria Ludwigsburg:

Wie entstand die Idee, 1987 in Stuttgart / für die Region eine zweite Antiquariatsmesse bzw. Ausstellung für gebrauchte Bücher zu gründen?

Dazu muss man sich etwas zurückerinnern: Die 68er agierten politisch (Springer-Kampagne) und individualistisch (Kommune 2) zugleich. In den 70er und frühen 80er Jahren begannen die Experimente, das Ganze auch „ökonomisch“ umzusetzen. Selbstbestimmt leben und arbeiten – das war die Devise. Gegründet wurden Bio-, Brillen- und Buchläden, Frauenprojekte, Medien- und Fahrradwerkstätten, alternative Verlage, Banken und Schulen usw.

Dieser Gründerboom ging auch in den Gebrauchtbuchhandel über. Im Gegensatz zu dem bis dahin „klassischen“ Antiquariat mit Inhabern, die eine traditionelle Ausbildung hatten und sich mit ihrem Angebot vor allem an gut betuchte Bildungsbürger richteten, entstanden viele anders arbeitende Antiquariate: oft in Stadtrandlagen oder auf dem Land. Auf Bücher- und Flohmärkten boten sie ohne Berührungsängste an, was im klassischen Antiquariat bis dahin undenkbar war: Betriebsanleitungen für Motorräder, Karl-May-Werke, Literatur zur Eisenbahn, Kochbücher aus Großmutters Zeiten oder Fibeln, mit denen sie selbst lesen gelernt hatten.

1986 gab es zwei Antiquariatsmessen – eigentlich Leistungsschauen – in Stuttgart und Köln, ausgerichtet vom Verband Deutscher Antiquare. Nur dessen ca. 260 Mitglieder konnten teilnehmen, sonst niemand – für uns elitäre Veranstaltungen, die uns erbosten, weil sie keine Chancengleichheit boten. Wir wollten es anders und besser machen!

Nach einem Büchermarkt hatten Heiner Beuttler und ich die Idee, eine alternative, für alle AnbieterInnen offene Messe zu veranstalten, ohne Katalog, ohne Spitzenangebote. Dafür in einer offenen Bücherstuben-Atmosphäre mit individueller Holzregal-Standgestaltung. Das fand Anklang: Im Mai 1987 fand im Gustav-Siegle-Haus in Stuttgart die erste „Antiquaria“ statt, mit 32 Ausstellern, fast alle Quereinsteiger und basisdemokratisch organisiert.

Wie ist daraus die Ludwigsburger Antiquaria geworden?

Wir haben viel gelernt, z.B., dass das Messeangebot attraktiv sein und mit einigen „highlights“ locken muss, wenn sich für kaufkräftige Besucher die Anreise lohnen soll, und auch, dass diese sich vorab in einem Katalog informieren wollen. Den gab es dann schon zur zweiten Messe, als liebevoll-individuelle, etwas handgestrickte Loseblattsammlung.

Als wir 1993 in die Ludwigsburger Musikhalle umzogen, öffneten wir nach Londoner Vorbild und vielen Kundenwünschen folgend fast zeitgleich mit der Stuttgarter Antiquariatsmesse. Und mit dem Umzug gab es weitere Neuerungen: Wir stifteten den Antiquaria-Preis, mit dem wir einen Beitrag zur Buchkultur leisten wollten: Nach der unerwartet erfolgreichen und spontan organisierten Spendenaktion für die Erfurter Amploniana-Bibliothek, deren Bestände dringend restauriert werden mußten, haben wir 1995 den Verein Buchkultur gegründet, der am 27. Januar zum 17. Mal den Antiquaria-Preis zur Förderung der Buchkultur verleihen wird. Und: nach langer und heftiger Diskussion verabschiedeten wir uns schweren Herzens von unserer Loseblattsammlung zugunsten eines „seriösen“ gebundenen Katalogs.

Was ist heute der wesentliche Unterschied zur Stuttgarter Antiquariatsmesse und welche Verbindungen gibt es mittlerweile?

Mit den Jahren hat sich eine richtig gute Zusammenarbeit beider Messen ergeben, die für den Messestandort „Region“ von Vorteil ist: Seit 2002 gibt es eine gemeinsame Veranstaltung im Literaturhaus Stuttgart zum Messeauftakt, seit 2008 ein Kombiticket, und beide Messen bewerben das attraktive Angebot Ende Januar in der Region Stuttgart. Die anfänglichen, teils heftigen Reibereien sind zu Ende, und das freut mich sehr.

Trotz dieser freundlichen Annäherungen pflegt jede Messe ihr eigenes Profil. Wer sich beide Messen anschaut, weiß, was ich meine. Dort der doch kühle Messestandbau, hier die individuell aufgebauten Stände. Einen Tenschert haben wir nach wie vor nicht. Dafür gibt es viele Angebote auch für jüngeren Sammler ohne üppiges Portemonnaie. Aber ganz klar: Die Schnittmengen sind deutlich größer geworden.

Was mir besonders wichtig ist: Die Antiquaria sieht sich nach wie vor als eine Messe für den qualifizierten Antiquars-Nachwuchs, der in Ludwigsburg Erfahrung sammeln kann. Allen Unkenrufen zum Trotz: Diese engagierten und kenntnisreichen Neuen gibt es, auch wenn sie etwas anders ticken als die Alteingesessenen.

Trotz aller Veränderungen denke ich, dass die Antiquaria immer noch etwas vom anfänglich Unkonventionellen hat und sich ihr freundliches und offenes Miteinander bewahrt hat.